Fulda - Weser und Loire

Samstag, 6. Juli 2013

Nouan-sur-Loire bis Chaumont


 Eine unruhige Nacht, vielleicht bedingt durch einen Wetterwechsel auf nahezu wolkenlos und heiß. Dazu leichter Ostwind. Nach der exzessiven Regenperiode der letzten Wochen können wir unser Glück gar nicht fassen, so strahlend blauen Himmel vorzufinden. Wir genießen den sonnigen Morgen, schlendern ins Städtchen Nouan-sur-Loire km 676, holen frische Baguette, Käse und Getränke, ich skizziere ein wenig vor der Kirche.



Nach einem gemütlichen Frühstück rollen wir unser Boot über den Radweg zum Einstieg und freuen uns auf die kommenden "Kulturkilometer".
Wir haben nicht vor, jede Altstadt und jedes Schloss zu besichtigen, das würde unseren zeitlichen Rahmen sprengen und bewirken, dass wir uns mehr auf dem Land als auf dem Wasser bewegten. Für reine Kulturrouten sollte man eher das Rad als sportliche Alternative hernehmen. Vielleicht deswegen sind wir bislang die einzigen Paddler weit und breit.

Kaum sitzen wir im Kanu zieht auch schon eine Gruppe mit roten Verleihbooten vorbei. Schwatzende junge Franzosen mit markanten Tonnen im Boot und dem lässigen Zick-Zack Paddelstil. Die zählen nicht so als Wanderpaddler, sind nur ein paar Stunden unterwegs, um sich einen Strand für eine Party zu suchen. Wir überholen zügig und lassen uns dann treiben, es bleibt genug Zeit, das eine oder andere Dorf, an dem wir lautlos vorüber gleiten, zu skizzieren.

Wir befahren diesen Loire-Abschnitt zum  ersten Mal und heben uns das Schloss Chambord bei St.-Dye-sur-Loire km 681 für ein anderes Mal auf, ebenso Suevres km 683, ein Städchen gallo-römischen Ursprungs und St. Christope mit einer morowingisch-karolingischen Kirche. Vom Fluss aus ist von dem allem leider nichts zu sehen. Dafür das Chateau-de-Menars km 687, die zwei Paddler am Bild  haben wir dann später getroffen. So viele Schlösser auf einem Fleck! Wozu eigentlich? Wer hat sie bewohnt, Könige, Herrscher, ihre Vasallen? Hier ein kleiner Einblick in die Geschichte.

Die Loire ist hier um einiges breiter als oberhalb von Orlean, zudem das Flussbett satt gefüllt ist. Durch das leichte Hochwasser ziehen wir mit der Strömung rasch an den schönsten Plätzen vorbei. Der im alten DKV-Führer ab km 690 angegebene Stausee ist bei diesem Wasserstand kaum zu bemerken. Die Pfeilerreste einer alten Brücke bei km 692 gibt es immer noch und das Walzenwehr km 649 ist komplett abgetaucht, ganz rechts walzenfrei und mit etwas Geschick befahrbar.


Natürlich ist es anzuraten, immer vor solchen Stellen aus zu steigen, um die Gefahrenlage zu besichtigen, je nach Wasserstand sieht die Situation anders aus. Vor allem verrostete Eisenteile verhalten sich zu "unkaputtbaren" Booten wie Rasierklingen zu Bananen.  Aber auch der natürliche Loire-Schotter hat sehr scharfe Anteile. Manche Felsen befinden sich knapp unter der Wasseroberfläche mitten im Flussbett. Die Strömung mäandert, schwingt im flachen Flussbett von einem Ufer zum anderen und baut in der Mitte Kiesbänke auf. Diese sind im Moment fast unsichtbar, wenn auch die Strömung und charakteristische Wellenbilder diese Untiefen anzeigen. Passt man nicht auf, oder lässt sich durch eine Teilung der natürlichen Fließrinne in eine seichte Sackgasse locken, knirscht es bald am Kiel und es bleibt oft nichts anderes, als mitten im Fluss aus zu steigen und das Boot in tieferes Wasser zu schleifen. Ein schweres, voll bepacktes Wanderboot wird bei oftmaliger Wiederholung vom scharfen Kieselmix wunderbar zerschlissen. Für ein empfindlicheres Faltboot ist das überhaupt keine Option. Auch mit dem "unzerstörbarem" HTP-Kanadier ist es besser, die Fahrtrinne zu erwischen, um dem Boot unnötige Narben zu ersparen.

Bald nach der Wehr sehen wir die Steinbrücke von Blois km 696.  Die Stadt bietet  viele Eindrücke auf einmal. Die Kais und markanten Häuserzeilen rechts und links, dominante Kirchen, Villen, das Chateau Royal de Blois. Und der zu erwartende Schwall unter der Brücke kündigt sich mit weißen tanzenden Schaumkronen an. Es zieht ganz schön zwischen den Pfeilern durch und ich habe nicht den Nerv, die sonderbare Skulptur am Scheitel der Brücke aus der Nähe zu fotografieren.

Wir halten uns ganz rechts und stören beim Herannahen einen schwarzen Fischer, der unser Herumgetue freundlich übergeht. Da schreit plötzlich ein Deutscher Urlauber von der Uferpromenade, wir sollten doch die  Durchfahrt im 2. Bogen nehmen. Ich bedanke mich und meine, das werden wir uns erst mal ansehen. Der Deutsche hat Recht, der 1. Bogen ist komplett mit Felsen verblockt, es ist nicht ratsam zu Treideln, zudem kommt genau hier ein stinkender Stadtkanal aus der Kaimauer. Zu zweit und mit offenem  Boot sind die Wellen unterhalb des 2. Durchlasses allerdings zu groß, die würden uns versenken. Ich lasse also meine Frau aussteigen, ziehe die Persenning über das Boot, hole das kleine Reserve-Raftingpaddel unterm Sitz hervor und ziehe bei zufällig anwesendem Publikum auf der Kaimauer eine kleine "Wildwassernummer" durch.

So verlockend die Kulturschätze von Blois auch seien, wir wollen bei dem heißen Wetter auf dem Fluss bleiben. Verschwenderisch lassen wir das Schloss aus und suchen stattdessen die pure Natur in Form von endlosen Stränden, urwüchsigen Weiden, sonnendurchschienenen Baumkronen, einsamen schattigen Plätzen auf idyllischen Inseln. 

Ich finde, bevor man als Reisender alle Eindrücke in sich hinein frisst, sollte man erst einmal ankommen. Die Menschen haben es sich angewöhnt, durch das Leben zu rasen und kommen nirgendwo an. Es dauert einfach, bis man sich akklimatisiert hat, in einer fremden Gegend mit ungewohnter Sprache, etwas anderen Sitten. Was ist heutzutage wahrer Luxus? Zeit zu haben, nichts zu tun. Und was ist wahre Klugheit? Sich Zeit zu nehmen, wenn man sie hat. Das Nicht-tun des Hörens und des Beobachtens als autentisches Erlebnis. Ich erkunde im Schneckentempo eine kleine Schotterinsel und luge zwischen den Weiden auf den Strom.
Lautlos erscheinen zwei Prijon-Kajaks mit hinten aufgeschnallten Bootswagen. Ein Mann, ein junges Mädchen, von der Ausstattung her deutsche Urlauber, sie ziehen vorbei, sehen den verwilderten Zeichner im Gebüsch nicht.


Wir treffen sie später am Ausstieg des Camping Platzes von Chaumont-sur-Loire km 712 wieder. Sie sind vier Tage bis Tours unterwegs, übernachten wild, durchwegs ohne Zelt und sind hier wegen dem Schloss. Der Platz ist sehr groß, hunderte Leute scheinen Platz zu finden. Bedingt durch das nahe Schloss Chaumont machen so zahlreich Gäste aus unterschiedlichen Ländern Station, praesentieren sich und ihren mobilen Komfort und genießen das Outdoor-Treiben. Angenehm ist, dass sich fast alle an die französische Sitte halten, je nach individueller Uhrzeit "bonjour" oder "bonsoir" zu grüßen.

Wir schlendern die Loire entlang, eine Hochzeit am Kai, daneben packen Camper am Ufer Wein und Baguette aus, es ist ein ziemlich heißer Spät-Nachmittag. In der nächsten Salat-Bar ist bereits alles reserviert, doch wenig weiter drängen sich verschiedene Restaurants in der Hauptstraße. Nach einem weiteren gescheiterten Versuch das ewige Geheimnis der französischen Küche zu lüften, wählen wir eine Pizzeria mit Vorgarten. Dann kehren wir an unser wildes Ufer am obersten Ende des Campingplatzes zurück und schauen bis in die Nacht den Wasservögeln beim Fischfang zu.












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